Bauwerksprüfung nach DIN-1076

I. Zusammenfassung

Um eine wiederkehrende Prüfung der Standsicherheit durchführen zu können, ist das Studium der Bauakten eine Grundlage. Diese sind nur meist kaum auffindbar. Die Diskrepanz zwischen heutiger Dokumentationswut und dem sicher auch vorhandenem Archivierungswillen wird hier erkennbar. Bei klarer Gesetzeslage (§52 Grundpflichten, Musterbauordnung, Argebau [1]) ist diese Praxis aber ein kaum absehbares, rechtliches Risiko, was vielen nicht bewusst ist. Es gibt Wege und Methoden , um diesen Trend zukünftig wenigstens bei Neubauten zu stoppen.

 

Wie der Flughafenbrand in Düsseldorf 1996 das Thema Brandschutz aktualisierte, so rückte das Unglück von Bad Reichenhall 2006 (Einsturz der Eissporthalle)  das Thema „Bauwerksprüfung im Hochbau“ in den Fokus. Bauwerksprüfungen für Ingenieurbauwerke sind nach DIN 1076 (Ingenieurbauwerke im Zuge von Straßen und Wegen – Überwachung und Prüfung) genormt. Die VDI 6200 (Standsicherheit von Bauwerken) regelt die wiederkehrende Prüfung der Standsicherheit von Gebäuden.

Beim Kauf eines Handys beispielsweise erhält man eine daumendicke Gebrauchsanweisung. Erwirbt man hingegen ein Gebäude bzw. ein Ingenieurbauwerk, bekommt man meistens keine bzw. keine vollständigen Unterlagen, welche die Sicherheit des Bauwerks auch bauaufsichtlich belegen und zukünftige Überprüfungen überhaupt erst ermöglichen. Dieses Manko der nicht vollständigen Bestandsunterlagen kostet den Eigentümer oder die Verantwortlichen in der Bestandszeit des Bauwerkes letztlich viel Zeit, Geld und ein großes Haftungsrisiko mit nicht einzuschätzenden rechtlichen Konsequenzen!

Den folgenden Fall kennt sicher jeder: Ein Bauherr will an seinem Gebäude oder Ingenieurbauwerk einen größeren Umbau durchführen. Die geprüfte Statik ist nicht auffindbar. Der Objektplaner hat unabhängig von dieser Frage ein Aufmaß vom Bestand gefertigt und Umbaumaßnahmen geplant. Die Fachingenieure müssen sich mit der kritischen Situation arrangieren. Um  den Auftrag nicht zu verlieren, beschwert sich keiner der Fachplaner.  Planungen und Entscheidungen werden so gesteuert, dass die Planungen vom Bestand entkoppelt werden. Die Mehrkosten werden dabei nicht beziffert.

II. Sachstand

Meistens weiß der Hausmeister am besten über ein Gebäude Bescheid. Er ist derjenige, der mit dem Gebäude lebt. Bei Kirchen z.B. wäre dies der Küster. Unterlagen zum Eintrag von neu erbauten oder erweiterten Planungen besitzt aber weder der Hausmeister noch der Küster. Dokumentationen existieren zu 99 % nicht. Unterschriebene Papierpläne sind die Ausnahme, dort, wo EDV Dateien erzeugt wurden, herrscht eine nirgendwo beschriebene Syntax von kaum zählbaren, anonymen und nicht autorisierten Dateinamen – was einfach nicht das Gleiche ist wie ein unterschriebener Plan. Grundlagen, um wiederkehrende Prüfungen der Standsicherheit durchzuführen, sind die geprüfte statische Berechnung und dazugehörige Positionspläne. Letztere sind sehr oft nicht vorhanden, Prüfberichte des Prüfingenieurs fehlen häufig oder sind unvollständig.

Ich beziehe mich in meinen Ausführungen auf die HOAI 2013 (Honorarordnung für Architekten und Ingenieure), die als aufbauendes fortgeschriebenes QM System verstanden werden kann und aus Fehlern und Missverständnissen „gelernt“ hat.

 

II.1 Objektplanung

Unter einer Objektplanung ist die Planung eines Architekten oder Ingenieurs zur Errichtung oder Änderung eines Gebäudes, Innenraumes ,einer Freianlage, eines Ingenieurbauwerkes oder einer Verkehrsanlage zu verstehen. Umgangssprachlich wird von „Architekt“ im Hinblick auf Innenarchitekt, Gartenbauarchitekt, Bauingenieur, Straßen-, und Kanalplaner gesprochen.

Fängt man im Neubau mit einem leeren Papier an, so wäre beim Planen des vorhandenen Bestands ein sogenannter Bestandsplan sehr sinnvoll. Aus meiner Sicht gibt es diesen in

90 % der Bauten nicht, so auch nicht als fortgeschriebenen Plan.CAD existieren sicher schon seit 30 Jahren, aber eine Übernahme alter Dateien ist aus vielen technischen Gründen nicht möglich. Gestandene Bauzeichner lehnen es sogar meist ab diese zu verwenden.

 

II.2 Fachplanung: Tragwerksplanung

Vielfach ist die geprüfte Statik nicht mehr vorhanden. Prüfingenieure bewahren sie nicht auf, da keine Verpflichtung besteht und der Platzbedarf für die Archivierung sehr groß wäre. Die Bauaufsichtsverwaltungen überwachen hier unzureichend die Vollständigkeit der Unterlagen. Außerdem gilt das Aufbewahren des Deckblattes als ausreichend. Statische Lastenpunkte werden eventuell Jahre später zugebaut, so dass diese bei Begutachtung des Bauwerks nicht mehr erkennbar sind. Nützliche Inspektionspläne zur späteren Kontrolle werden auch nicht angelegt.

 

II.3 Fachplanung: technische Ausrüstung

Oft sind Planungen vorhanden, aber die Notwendigkeit von Bestandsplänen wird in der Regel nicht gesehen. Strukturierte Verkabelungen werden somit nur auf Nachfrage dokumentiert und übergeben.

 

II.4 Fachplanung: Thermische Bauphysik

Diese Fachplanung steht in Anführungsstrichen, weil sie eine Fachplanung ist, die in der HOAI nicht als solche aufgenommen wurde. Diesen Tatbestand versteht kein Bauexperte und auch nicht, dass beim folgenden Teilaspekt (1.4) die Notwendigkeit e nicht gesehen wird.

Wer hat schon einmal den alten Wärmeschutznachweis seines Hauses durchgelesen und verstanden? Wenn dieser mit dem Gebauten übereinstimmt, stehen hier wichtige Informationen z.B. zum Wandaufbau ,die bei einer energetischen Sanierung  von entscheidender Bedeutung sind. In NRW sind die „stichprobenartigen Kontrollen“ des „Von der Ingenieurkammer NRW staatlich anerkannten Sachverständigen für Schall- und Wärmeschutz“ Pflicht. Dies ist ein erster richtiger Schritt zur besseren Plankontrolle. Wärmeschutznachweise, welche die Bauaufsicht fordert, werden meist nur deswegen angefertigt, weil es die Gesetzeslage verlangt und nicht, weil Bauherr oder Architekten die Notwendigkeit dieser Unterlagen erkennen. Sicher spielt auch eine Rolle, dass die bauaufsichtlichen Begriffe bzw. deren Ziel, nämlich die Umsetzung von EU Richtlinien, unbekannt sind.

 

II.5 Fachplanung: Bodengutachten/Gründungsvorschlag

Ein systematisches Durcharbeiten eines Bestandsprojektes mit aufwändiger Nachgründung zeigte mir, dass schon vor 30 Jahren verschiedene Baugrundgutachten mehrmals gemacht wurden. Sobald mehrere Baugrundgutachter beteiligt sind, wird es schwierig, Muster im Baugrund zu erkennen, da die ?????Bodenansprache doch vom jeweiligen Mitarbeiter abhängig ist. Ansonsten sind Bodengutachten gut aufgebaut und nachvollziehbar dokumentiert.

 

II.6 Fachplanung: Baulicher Brandschutz

Hier ist festzustellen, dass in aller Regel keine Brandschutzpläne und sehr oft auch keine Feuerwehrpläne vorhanden sind. So kann auch schon bei der kleinsten Änderung wie dem Erstellen eines Durchbruches die Ermahnung eines Objektplaners an den Handwerker irreführend sein, wenn er sagt „Sie müssen das doch wissen, Sie sind doch eine Fachfirma!“ Aber ohne das Ergebnis der Brandschutzplanung in einem Plan zu sehen , kann keiner wissen, welche Feuerwiderstandsklasse eine Wand im Gebäude haben muss.

 

II.7 Fachplanung: Sicherheits- & Gesundheitsschutz

Diese ist sehr sinnvoll, wird aber durch Preisdumping (da nicht verordnet) unterhöhlt. Die „Unterlage“, die Zusammenfassung aller sicherheitsrelevanten Anlagen, die zur Unterhaltung eines Bauwerkes dient, ist meistens nicht einmal erstellt und eingefordert worden.

 

II.8 Fachplanung: Vermessung

Hier fehlen oft Vorgaben zur Aufnahme aller Vermessungsdaten. Sie sind 3dimensional, werden aber konkret fast immer in 2D übergeben und weiterverarbeitet. Bezüglich fester Datengrundlagen fehlt oft noch ein Abgleich von Gauß-Krüger Koordinaten zu dem neuen UTM-Koordinaten.

 

II.9 Fachplanung: Bauwerksprüfung

Diese Disziplin wird von den Entscheidern selten als wichtig erkannt.” Bauwerksprüfung” bedeutet handnahe, wiederkehrende, dokumentierte Aufzeichnungen zum Bauwerk, konkret, Abwicklungen tragender Teile mit Eintrag von Rissen und Schadstellen. Ein Kunde führte für alle seine Bauwerke sogar ein “Rissekataster”.

  • Ursachen für die mangelnden planerischen Dokumentationen:
  • fehlende oder nicht gepflegte Archivierungssysteme
  • Unkenntnis des Bauherrn, für die Vollständigkeit der Unterlagen zu sorgen
  • QM -Systeme werden nicht angewendet
  • Fremdfirmen sind mit den Grundkenntnissen nicht vertraut und dieses kann zu folgenschweren Auswirkungen führen
  • Bestehende Diskrepanz von Dokumentationswut und dem Archivierungswillen

 

 

 

III. Kommentar, Beurteilungen, Vermutungen

Im eigenen Ingenieurbüro benötigte ich 10 Jahre, um ein optimales Archivierungssystem zu finden. Schwierig ist für jeden Ingenieur diese Arbeit deshalb, weil das Thema „Ablage“ an keiner Universität gelehrt wird, obwohl es so wichtig wäre. In unserem Büro pflegen wir nun sowohl das Aufbewahren von Akten (die bekannten ,,Leitz Ordner“) als auch ein EDV-System  (Ordner und Dateien), was mehr Arbeitsaufwand bedeutet als früher. Sehr zu empfehlen ist das Pdf-Format, welches sich im täglichen Umgang sehr durchgesetzt hat und mehr und mehr das Aufbewahren von alten Papierakten ablöst.

Viele Firmen haben ihr eigenes Archiv perfekt organisiert, was Kunden als vertrauenswürdig erleben und motiviert sind, Folgeaufträge zu vergeben.

Ein namhafter Hersteller von Fahrbahnübergängen hat beispielsweise einen sofortigen Überblick über von ihm eingebaute Bauteile, da er die Werkstattpläne (=konkreter Bauplan eines Stahlbauteils) aufbewahrt und jedes zukunftsorientierte Archiv sollte sich den neuen Ablagetechniken anpassen. Es bringt nur wenig, wenn ein Scanndienst nach eigenem Muster arbeitet. Als Resultat hat man die Masse an Daten dann in strukturloser digitaler Form, für andere nicht nachvollziehbar. Auch hierzu möchte ich ein Beispiel anführen: Als ich einmal die Bestandsunterlagen einer großen Schule durchsehen musste, habe ich mir die Arbeit gemacht, einen Erläuterungsbericht darüber zu erstellen. Das ernüchternde Ergebnis war, dass es auf einmal mindestens 3 verschiedene Aktenzeichen mit 8 unterschiedlichen Gebäudebezeichnungen gab.

Das Nichtauffinden geprüfter statischer Unterlagen bringt den Bauherrn in kritische Situationen. Er kann in dem Moment nicht nachweisen, dass er das Gebäude ordnungsgemäß betreibt, denn eine geprüfte Statik liegt nicht vor. Dadurch müssen Ersatzunterlagen erstellt werden, welche aber auch unbedingt wieder von einem Prüfingenieur geprüft werden. Empfehlenswert ist es, die geprüften statischen Unterlagen beim Aufsteller zu belassen, weil dieser peinlich darauf achtet, dass der Prüfingenieur eingebunden ist! Eine digitale Kopie sollte bei den Bauherren sein!

IV. Lösungsvorschlag

Viele Bauherren beschweren sich, dass die Planer die Leistungsphase 9 der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure nicht korrekt abgeben. Eine Möglichkeit wäre, diese Aufgabe an ein externes Büro zu delegieren, da es vorteilhafter und objektiver arbeiten kann. Prüfingenieure sollten Daten digital an Bauaufsichten oder an die „Bewertungs- und Verrechnungsstelle der Prüfingenieure für Baustatik und der Sachverständigen für Sicherheit“ (BVS) übermitteln. Bestandspläne werden meist nicht mehr erstellt. Sollten diese nicht nach HOAI gesondert beauftragt werden, empfiehlt es sich, am Ende des Projektes wenigstens alle Pläne, mit Abschlussbemerkungen versehen, unterschrieben vorzulegen. Weitere Handaufzeichnungen sollten eingescannt vorliegen und an alle am Bau Beteiligten weitergegeben werden. Oft werden auch Kosten gescheut, Bestandspläne zu beauftragen. Änderungen, die nicht dokumentiert sind, müssen dann auch nicht vergütet werden. Hier wird immer wieder das Verhältnis der Planungskosten und der Baukosten angeführt, dieser Nachweis macht einfach keinen Sinn. Ein sinnvoller Arbeitsschritt ist das Anlegen eines „Objektbuches“ nach VDI 6200. In der Richtlinie taucht dieser Begriff nicht auf, sondern es ist die Rede von der „Bestandsdokumentation Standsicherheit“ und dem „Bauwerksbuch Standsicherheit“. Dieses „Buch“ wäre sinnvoll vom Tragwerksplaner zu erstellen, weil dieser fachlich kompetent erkennen kann, ob alle Planungsunterlagen vollständig sind. Weil im Objektbuch auch die Genehmigungsunterlagen der „Unteren Bauaufsicht“ abgelegt werden, kann man mit dieser Möglichkeit auch direkt erfassen, was genehmigt und eventuell noch nicht genehmigt wurde. Versäumnisse können so strukturiert nachgearbeitet werden. Die Honorierung dieser Beauftragung sollte nach dem Zeitaufwand erfolgen. Das Ergebnis des Bauwerksbuches sind dann Datenträger mit allen vorhandenen Unterlagen, welche in ein lebendes Festplattensystem des Kunden integriert werden sollte.

V. Blick in die Zukunft

Im Zuge der „neuen Medien“ ist es durchaus denkbar, ein Gebäude eventuell durch eine Videodokumentation sich selbst erklären zu lassen. Der Bauwerksbetreiber erhält dadurch eine benutzerfreundliche Gebrauchsanweisung. Das Aufzeichnen eines Videos scheitert meist nicht an der Technik, sondern an der noch fehlenden Einsicht der am Bau beteiligten Firmen und Planungsbüros. Auch eine 3D-Zeichnung wäre eine hilfreiche Ergänzung zur Bauwerksdokumentation. Ein QR Code mit einem verlinkten Video zu dem zuständigen Tragwerksbüro mit allen Angaben zum Bauwerk wäre ebenfalls sehr nützlich und bedeutet eine leicht zu erstellende Dokumentation ohne großen zeitlichen Mehraufwand. Building Information Modeling mit Open Source in Schritten ist möglich, bedarf aber Zeit und Geld und der Akzeptanz und dem Willen aller Bauleute. Der Satz: „Wir haben keine Unterlagen!“, muss der Vergangenheit angehören. Die Devise muss heißen:Es ist möglich.

Bad Neuenahr-Ahrweiler, den 11.5.2014, Dipl.-Ing. Thomas Becker

[1] http://www.is-argebau.de/lbo/vtmb100.pdf